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    "Der Ort meiner Ruhe"

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"Jeder Krieg ist ein Verbrechen"

Zu einer humanitären Reise war Kreisdechant Dr. Jochen Reidegeld jetzt in Syrien und im Nordirak. Als Mitbegründer der Aktion „Hoffnungsschimmer“ besuchte er dort verschiedene Projekte.

Wie ist Frieden möglich? Diese Frage beschäftigte Jochen Reidegeld während seiner Reise bei vielen Gesprächen.

Die vielen Eindrücke müssen erst einmal sacken – und verarbeitet werden. Im Kopf und im Herzen. Das braucht Zeit, weiß Dr. Jochen Reidegeld. Der katholische Kreisdechant ist gerade erst zurück von einer dreiwöchigen humanitären Reise nach Syrien und in den Nordirak. Tage einer emotionalen Achterbahnfahrt. Als Mitgründer der Aktion „Hoffnungsschimmer“, die sich in der Region um Hilfe beim Wiederaufbau in den Bereichen Bildung, Subsistenzsicherung und Medizin sowie den Brückenschlag zwischen Glaubensgemeinschaften und deren Schutz bemüht, hat er sich Projekte angeschaut, die von der Initiative unterstützt werden, und Gespräche mit Partnerorganisationen sowie Vertretern der Eziden geführt. Für eine Bilanz ist es noch zu früh, aber eines weiß der Pfarrer nach seiner Rückkehr sicher: „Jeder Krieg ist ein Verbrechen. Zurück bleiben verwundete Seelen.“

Erstes Ziel der kleinen Reisegruppe war das Shingalgebirge, aus dem hunderttausende Eziden vor dem IS geflohen sind. Die, die geblieben sind, leben seit 2014 unter sehr schwierigsten Umständen. Gemeinsam mit dem Journalisten Jan Jessen aus Essen besuchte die Gruppe eine Schule: „Bildung ist ein wichtiger Baustein für die Zukunft der Menschen hier“, erklärt Reidegeld und freut sich über die gute Kooperation mit anderen Hilfsorganisationen.

Auch wenn er schon mehrere Male in Syrien und dem Nordirak war, die Wirklichkeit schockiert ihn bei jeder Reise aufs Neue, gesteht der Kreisdechant und nennt ein Beispiel: „Weil ihre Häuser zerstört sind, wohnen die Menschen in Serdesht nach acht Jahren weiter in Zelten.“ Teils bei eisigen Temperaturen. Besonders bedrückend: „In einem zerbombten Dorf war einzig unberührt die Hinrichtungsstelle des IS zu erkennen.“ Den Anblick wird der Pfarrer nicht vergessen. Fassungslos fügt er an: „Nach dem Völkermord wird den Eziden bis heute das Recht verweigert, friedlich in ihrer Heimat zu leben.“

Doch es gibt auch kleine Zeichen der Hoffnung: Bewegend für Reidegeld war der Besuch in einem Kindergarten, der im Mai eröffnet werden soll. Gemeinsam mit der Organisation „Women for Justice“ ist dieser gebaut worden: „Das Haus steht mitten in Serdesht. Die Kinder, die hierherkommen werden, gehören zu den ärmsten Familien in dieser Region.“ Für die finanzielle Hilfe der Spender, die dieses Projekt ermöglicht haben, ist der Kreisdechant dankbar, weil es auch Mut macht, neue Projekte zu starten.

Zurück aus dem Shingalgebirge führte der zweite Teil der Reise in den Norden Syriens. Dort besichtigte die Gruppe unter anderem eine Prothesenwerkstatt: „Unglaubliche 5000 Menschen stehen auf der Warteliste. Viele von ihnen sind durch Minen schwer verletzt worden.“ Der Jüngste, so Reidegeld, sei gerade einmal drei Jahre alt.

Wie ist Frieden in diesem zerstrittenen Land möglich? Diese Frage beschäftigte Jochen Reidegeld während seines Aufenthaltes in Syrien bei vielen Terminen: „Bei einer Union der Religionen habe ich Vertreterinnen und Vertreter des Islams, der Eziden und der Christen getroffen“, berichtet er: „Es war eine bewegende Begegnung – aus der hoffentlich etwas wachsen kann.“ Denn Peacebuilding, Frieden zu schaffen, das sei ein großer Auftrag für die Politik, aber auch für die Religionen. Zu viele Gräber von Gefallenen hat der Kreisdechant in Syrien gesehen, die Toten meist nicht älter als 18 Jahre: „Sie sind für die Machtinteressen einzelner Staaten geopfert worden.“

Welch ein furchtbares und unverzeihliches Verbrechen Kriege sind, wurde Reidegeld einmal mehr beim Besuch eines Waisenhauses bewusst, das von der Aktion „Hoffnungsschimmer“ gefördert wird: „Hier finden Kinder ein neues Zuhause, die Opfer von Krieg und Gewalt geworden sind.“ 

Wie viel Leid der Krieg gebracht hat, zeigten auch die vielen durch Mord, Vergewaltigung und Flucht traumatisierten Familien: „Bei Gesprächen mit den Schwestern und Brüdern im ezidischen Haus wurde deutlich, dass der Genozid an dieser Religionsgemeinschaft mit dem Zurückdrängen des IS nicht vorbei ist“, beschreibt der Kreisdechant die Situation: „Zum Großteil leben die Eziden in Flüchtlingslagern, weil eine Rückkehr in ihre Heimat, ins Shingalgebirge und in das von islamistischen Truppen besetzte Nordsyrien, nicht denkbar ist.“ Es sei nicht leicht, die Wut und die Traurigkeit der Menschen auszuhalten: „Warum zieht Europa die Aggressoren nicht zur Rechenschaft?“, fragt sich Reidegeld. Durch seine wiederholten Besuche möchte er den Eziden beweisen, dass ihr Schicksal nicht vergessen ist.

Auch wenn Hilfe schwierig ist und die Reisen in das Krisengebiet auch für die deutsche Gruppe nicht ungefährlich sind, für den Pfarrer ist es eine Herzensangelegenheit. Er und seine Mitstreiter von „Hoffnungsschimmer“ wollen weitermachen, weil „unsere Hilfe ankommt, wo andere Organisationen sich noch nicht engagieren“. Nächste Projekte haben sie schon im Kopf – unter anderem eine mobile Krankenstation für das Shingalgebirge.


Text: Bischöfl. Pressestelle
Foto: Dr. Jochen Reidegeld
13.04.2022

Matomo