Kreisdechant Jochen Reidegeld verurteilt UN-Kompromiss

Bei seinem Aufenthalt in Syrien im vergangenen Jahr war Kreisdechant Dr. Jochen Reidegeld auch im zerstörten Kinderkrankenhaus von Al Hasake im Nordosten von Syrien.

„Das ist ein gewolltes Abschneiden der humanitären Hilfe.“ Kreisdechant Dr. Jochen Reidegeld weiß aus seinen täglichen Kontakten zu einem befreundeten Arzt, wie katastrophal die Situation der Menschen in den syrischen Flüchtlingslagern ist. Deshalb ist der Pfarrer von St. Nikomedes in Steinfurt schockiert und wütend zugleich über den Kompromissvorschlag, den der UN-Sicherheitsrat Ende vergangener Woche verabschiedet hat. Zwar können weiterhin Hilfslieferungen in die nordsyrischen Gebiete gebracht werden, allerdings nur noch über einen Grenzübergang statt über mindestens zwei. Ein Antrag des deutschen Außenministers Heiko Maas auf Verlängerung der Crossborder-Resolution war zuvor am Veto Russlands und Chinas gescheitert.

Den kriegerischen Parteien gehe es nur um die eigene Macht, sagt Reidegeld, die Menschen habe niemand im Blick. Das Verhalten Russlands und Chinas sei „unverantwortlich“, betonte der Pfarrer, der selbst mehrmals für Hilfsprojekte der „Aktion Hoffnungsschimmer“ in Syrien und dem Irak war. Russland gehe es um eine Absicherung der Macht des syrischen Präsidenten Assad, während China jeden Einfluss aus dem Ausland für sich und andere Staaten grundsätzlich ablehne.

Viel schlimmer als die zerstörten Häuser und Gebäude der syrischen Bevölkerung sei die „innere Zerstörung“, erklärt Reidegeld: „Die Menschen leben in einer absoluten Perspektivlosigkeit.“ Das habe eine hohe Selbstmordrate in den Flüchtlingslagern zur Folge. „Es gibt keine Hoffnung auf Frieden“, beschreibt der Pfarrer den seelischen Zustand der Menschen. Mit großer Sorge beobachtet er, dass das Assad-Regime die totale Kontrolle im Land übernimmt. Folter und Verschleppungen seien an der Tagesordnung – und auch Kreuzigungen. „Die Grausamkeiten kennen keine Grenzen“, fehlen Reidegeld fast die Worte.

Selbst wenn junge Syrer einen Weg beispielsweise nach Deutschland fänden, seien sie lebenslang traumatisiert, weiß der Kreisdechant aus vielen Gesprächen mit Geflüchteten. Eine politische Lösung für die Auseinandersetzungen in Syrien sei schwierig. Zu unterschiedlich seien die Machtinteressen. Vielleicht könne der Westfälische Frieden von 1648 ein Vorbild sein, bei dem sich das Prinzip der Gleichberechtigung der Staaten, unabhängig von ihrer tatsächlichen Macht, durchgesetzt hat. Denkbar sei ein föderales Gebilde ähnlich wie die Bundesrepublik. Reidegeld: „Ein Staat, in dem die verschiedenen Kulturen und Traditionen respektiert und akzeptiert werden – und das unter politischen Mitbestimmung aller in einem Gesamtstaat.“

Die großen Schutzmächte, die dies forcieren könnten, sieht der katholische Priester zurzeit allerdings nicht. Die USA seien außenpolitisch nicht existent und Europa zu uneins. Er würde sich wünschen, dass die europäischen Länder die Haltung Frankreichs annehmen und den Aggressoren in der Welt vehementer entgegentreten. „Wenn wir die Menschenrechte ernst nehmen, muss endlich etwas passieren“, fordert der Pfarrer die deutsche Bundesregierung auf, mutiger zu sein und Europa damit zu dem politischen Gewicht zu verhelfen, das der Wirklichkeit entspreche.


Text: Bischöfl. Pressestelle
Foto: Dr. Jochen Reidegeld
16.07.2020

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